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Der Melodien-Mann ist für immer abgereist
"Je partirai" (Ich werde abreisen), ist eines seiner schönsten Chansons. Da gehen sein Klavier und seine Stimme eine Liebesbeziehung ein. Da kauert er
an seinem Flügel, streichelt die Tasten, scheint mit seinen Augen die Seele des Instruments zu suchen. Und der Flügel lebt, als ob er die Dramatik und die Zärtlichkeit des Textes verstehe, als ob er den Zorn und die
Hoffnung des Sängers spüre. Das Publikum im Pariser "Olympia" ist ergriffen. Es ist verzaubert.
Gilbert Bécaud war nicht einfach ein Sänger. Er schrieb, besser: Er dichtete die Texte seiner Lieder.
Er komponierte ihre Melodien. Und was für Melodien! Und dann, wenn er seine Lieder aufführte, dann lebte er sie vor. Es mag brillantere Chansonniers in Frankreich gegeben haben, aber es gab keinen, bei dem Stimme,
Melodie und Körpersprache, die er beim Pantomimen Marcel Marceau erlernt hatte, so zu einer Einheit verschmolzen wie bei Bécaud.
Eben noch kauert er an seinem Flügel. Doch plötzlich springt er wie eine
Raubkatze in den verhallenden Applaus und schmettert im Trommelwirbel "Et maintenant" - und jetzt geht's los auf der Bühne. Da rast er hin und her, als wisse er nicht, wohin mit seiner Kraft. Jetzt brüllt
er, mehr als dass er singt, und immer noch ist es eine Melodie. "Monsieur 100 000 Volt" haben sie ihn deshalb genannt, doch wird dieses Etikett der Vielfalt seiner Kunst nicht gerecht.
Bécauds
Lieder erzählen häufig Alltagsgeschichten, traurige und drollige. Viele von ihnen haben nicht den Tiefgang der Texte eines Jacques Brel oder eines Yves Montant. Manche sind eher Schlager als Chansons. Aber Bécaud
hatte keinen falschen Anspruch. Er suchte das große Publikum, dem er schöne unbeschwerte Stunden verschaffen wollte. Und so endeten die meisten seiner Konzerte denn auch in kollektiver Glückseligkeit, wenn seine
Zuhörer unter seiner ebenso nachdrücklichen wie unwiderstehlichen Regie im Chor "L'important c'est la rose", "Nathalie" oder "Quand il est mort le poète" sangen.
Bécaud wurde als
François Léopold Silly am 24. Oktober 1927 im südostfranzösischen Toulon geboren. Er studierte Klavier am Konservatorium in Nizza. Nach dem Krieg tingelte er als Barmusiker durch Paris. Edith Piaf ("Non, je ne
regrette rien") entdeckte ihn. Bécaud wurde ein Star - in Frankreich, in Europa, in den USA. Er drehte Filme, etwa an der Seite Caterina Valentes, schrieb Filmmusiken, etwa für "Babette zieht in den
Krieg" mit Brigitte Bardot. Er schrieb Lieder für die Piaf, für Barbra Streisand, für Neil Diamond. Judy Garland, Frank Sinatra, Shirley Bassey, Elvis Presley, Dalida und viele andere sangen seine Lieder. Er
komponierte Musicals und eine Oper ("Opera d' Aran").
In der Bundesrepublik war Bécaud nicht nur die Stimme Frankreichs, sondern mit seinen auch in Deutsch aufgenommenen Liedern ein Botschafter der
deutsch-französischen Aussöhnung. 1973 erhielt er dafür das Bundesverdienstkreuz.
Nun ist Gilbert Bécaud abgereist - für immer. Der Krebs hat ihn besiegt. Er hat es gewusst, hat es 1999 in seinem "Faut
faire avec" besungen: "Im Angesicht des Todes, den Preis zahlen für die Zigaretten, ohne einen Schrei, da muss man durch." ... All die vielen Verehrer seiner Stimme, seiner Melodien, seiner Texte
werden die CD mit dem Mitschnitt seines offiziellen Abschiedskonzertes 1991 im Pariser Olympia auflegen (GB Music 1991). Da hat er seine schönsten Lieder voller Emotionen zelebriert: "L'aventure", "Le
petit oiseau de toutes les couleurs", "Je t'appartiens", "Je reviens te cherche" und vor allem "C'est en septembre".
Wir, seine Fans, werden es hören und fühlen. Mit Dankbarkeit, mit Gänsehaut - mit Tränen.
Michael Garthe, “Die Rheinpfalz”, 19/12/01
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