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"Wenn er tot ist, der Poet, weinen alle seine Freunde." Als Gilbert Bécaud am 18. Dezember 2001 im Alter von 74 Jahren starb, wurde diese Textzeile aus seinem berühmten Lied "Quande il est mort le poéte" traurige Wirklichkeit. Ganz Frankreich trug Schwarz und mit ihm alle Anhänger der Chansonkunst. Denn mit Bécaud ging - nach Edith Piaf, Jacques Brel, George Brassens und Charles Trenet - einer der letzten großen Chansonniers von uns. In den Tagen der Trauer wurde das Le-benswerk des Sängers und Komponisten in zahlreichen erschütterten Nachrufen gewürdigt. So bezeichnete Frankreichs Kultusministerin Catherine Tasca seinen künstlerischen Nachlass als "Testament der Liebe" und ergänzte: "Fast fünfzig Jah-re lang hat er unserem Leben mit seinen wunderbaren Chansons einen Rhythmus und dem Leben der Menschen überall in der Welt Wärme gegeben." Jacques Chirac zeigte sich ebenfalls bestürzt, nachdem ihn die Nachricht vom Tod seines Landsmannes erreicht hatte. "Bécaud war eine der stärksten und mitreißendsten Stimmen unserer Zeit", erklärte der Staats-präsident und strich besonders die Großzügigkeit und Begeisterungsfähigkeit von "Gilbert national" heraus.

Stahlblauer Anzug, getupfte Krawatte, die Hand am Ohr, um das Publikum zum Mitsingen aufzufordern - so wird uns der be-gnadete Entertainer in Erinnerung bleiben. Fünfzig Jahre lang begeisterte er mit energiegeladenen Bühnenshows, die ihm den Beinamen "Monsieur 100.000 Volt" eintrugen, seine Zuhörer. Alles begann Anfang der 50er Jahre in Paris. Als blutjun-ger Pianist tingelte der in Toulon geborene François Silly durch Nachtclubs, Bars und Cafés in der Seine-Metropole, bevor er 1952 von Edith Piaf entdeckt wurde. Sie nahm einige seiner Lieder in ihr Repertoire auf, darunter "Je t'ai dans le peau", und verschaffte ihm einen Auftritt im legendären "Olympia". Diese Chance nutzte Bécaud (das Pseudonym hatte er inzwischen bei seinem Stiefvater entliehen) als Sprungbrett in eine Traumkarriere: Nach dem ersten Triumph im Weihetempel der Un-terhaltung war er aus dem Showgeschäft nicht mehr wegzudenken.

In der Folgezeit sang sich der Künstler mit dem Gentleman-Image mit einer schier endlosen Hitserie weltweit in die Herzen der Musikfans. Heute, viele Jahre später, sind diese zu Evergreens geadelten Songerfolge immer noch in aller Ohren. Der Dauerbrenner "Le jour où la pluie viendra" aus dem Jahre 1959 etwa hat längst einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis (in Deutschland wurde der Titel in Dalidas Fassung "Am Tag, als der Regen kam" populär). Unvergessen auch das Chanson "Et maintenant" von 1962, in dem ein verlassener, verzweifelter Liebender sein Schicksal beklagt. Und Fremdenführerin "Nathalie", mit der Bécaud 1963 in Moskau einen virtuellen Urlaubsflirt erlebte, wird uns wohl ebenfalls auf ewig in Erinne-rung bleiben.

Nicht nur die Fans lagen dem Franzosen, Legende schon zu Lebzeiten, stets zu Füßen, auch unter seinen Kollegen genoss er großes Ansehen. Diese Wertschätzung drückte sich unter anderem in mehreren Kooperationen mit internationalen Stars aus. Mit Barbra Streisand beispielsweise arbeitete Bécaud 1978 gemeinsam an einem Musical, mit Neil Diamond schrieb er 1981 die Musik zum Film "The Jazz Singer", die hoch in den US-Charts notierte. Außerdem bekundeten viele Kollegen ihre Hochachtung in Bearbeitungen von Bécauds Kompositionen. Marlene Dietrich interpretierte "Marie-Marie", namhafte Künst-ler wie Bob Dylan, Nina Simone und James Brown machten aus "Je t'appartiens" die Coverversion "Let It Be Me", und gleich 150 Kollegen, darunter Elvis Presley, Judy Garland und Frank Sinatra, sangen "Et maintenant" in der englischen Erfolgsver-sion "What Now My Love".

Ist die Zahl von Bécauds Eigenkompositionen mit rund 400 gerade noch zu überblicken, so kommt man bei der Addition sei-ner Live-Auftritte schnell in schwindelerregende, unvorstellbare Dimensionen. Schließlich gab der Workaholic bis zu 250 Konzerte pro Jahr! Und das fünf Dekaden lang! Allein dreißig Mal stand er auf der Bühne des "Olympia" (so oft wie kein an-derer), den New Yorker Broadway nahm Bécaud mit seiner fulminanten Show ebenfalls im Sturm. Vielfach führten ihn seine Tourneen auch nach Deutschland, wo er vor allem in den 70er Jahren häufig gastierte. Zum letzten Mal war er hier zu Lande im November 2000 im Rahmen einer großen Konzertreise live zu sehen. Danach musste sich der Sänger leider aus ge-sundheitlichen Gründen immer mehr aus dem Rampenlicht zurückziehen, die Diagnose Lungenkrebs zwang ihn dazu. Am 18. Dezember 2001 verlor der Kettenraucher, der drei Schachteln Zigaretten am Tag qualmte, den Kampf gegen die Krank-heit. Umgeben von seiner Familie und Freunden entschlief Gilbert Bécaud auf seinem Hausboot an der Seine.

"Die Bühne ist eine Droge", gestand der leidenschaftliche Entertainer 1999 in einem Interview für die ZDF-Sendung "Leute heute". Doch nun muss die Bühne leer bleiben, die Stimme Frankreichs ist verstummt. Gilbert Bécaud wird nie wieder im geliebten Scheinwerferkegel stehen. Und er wird auch nicht mehr Nathalie, wie einst versprochen, die Sehenswürdigkeiten von Paris zeigen können.