|
Aufgrund seiner fulminanten Bühnenshows erhielt er den Namen
"Monsieur 100.000 Volt". "Die Stimme Frankreichs", so die Frankfurter Allgemeine Zeitung, habe auch heute "kein Volt eingebüßt".
Gilbert Bécaud, der französische Chansonnier mit
überwältigenden Temperament gehört zu den Künstlern, deren Lieder fast jeder kennt, obgleich diese nur selten auf den vordersten Plätzen der internationalen Hitparaden zu finden waren. Geboren 1927 in Toulon zog er
1942 mit seinen Eltern nach Paris. Nachdem er zunächst als Klavierbegleiter von Jacques Pills gearbeitet hatte, begann er 1953 selbst zu komponieren und zu singen. Zu seinen berühmtesten Werken gehören ”Nathalie”,
”Et maintenant” und ”L´important c´est la rose”, um nur einige zu nennen.
Seinen Namen als massenattraktives Synonym für das
französische Chanson toppt nur noch der Edith Piafs. Goldene Schallplatten ebenso wie Ehrungen sammelt er mit einer Beiläufigkeit wie sonst nur Playboys ihre Gschpusis, und seine Textzeilen sind schon geflügelte
Worte - ”tu l' auras, ton bateau blanc” etwa, ”et maintenant, que vais-je faire?”, ”l' important, c' est la rose” und auch und vor allem natürlich ”elle avait un joli nom, mon guide, Nathalie”.
Kein Star und kein Super-Star, sondern eine Legende zu
Lebzeiten ist es, die da mit ”Monsieur 100. 000 Volt” der musikalische Höhepunkt des Abends zu werden nicht verspricht, sondern garantiert. François Léopold Silly, auch bekannt als Gilbert Bécaud - ein Name, der zu
Recht Herzen höher schlagen läßt, in Frankreich sowieso, wo dasr 9-CD-Set ”Bécaulogie” seiner kompletten Aufnahmen einen wahren Run auf die Plattenläden auslöste, aber bei uns nicht minder. Denn der - in Auszügen -
Ritter des Ordens der belgischen Krone, Gewinner der Bronzenen Rose von Montreux oder auch Ritter der französischen Ehrenlegion - ist auch in Deutschland derart präsent, daß er schließlich - weitere Ehrung - 1973
sogar mit dem Bundesverdienst- kreuz geehrt wurde. Und das gewiß nicht nur für die deutsche Interpretation seiner größten Erfolge von ”Nathalie” über ”Überall blühen Rosen” bis ”Was ist so schön an der Liebe?”.
Freilich: Daß ihm einmal gleich mehrere Generationen wie
Nationen zu Füßen liegen sollten, hatte sich der Komponist, Texter und Sänger in Personalunion, dessen ”Et maintenant?” immerhin Sinatra als ”What now, my love?” nicht gerade zur B-Nummer und dessen ”Seul sur son
étoile” einer Vikki Carr als ”It must be him” zum Schmachtfetzer par excellence geraten sollte, kaum träumen lassen. Doch die schlafwandlerische Synthese aus Alltagsbeobachtungen, Poesie und der Fabulierlust des
großen Kindes brach alle Rekorde. Was Wunder da, daß man ihn 1965 in Moskau mit einer Fremdenführerin namens - logo - Nathalie ehrte, was Wunder da, daß Ende 1997 nach der Restaurierung des einen Nationalheilig tums
namens ”Olympia” in Paris niemand anders als das andere Nationalheiligtum die Wiedereröffnung bestritt, wo der 70jährige Temperamentsbolzen einmal mehr abräumte.
- Jörg Alisch, Berliner Morgenpost
|