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Ein stahlblauer Anzug, eine getupfte Krawatte und die unverkennbar raue Stimme, die ihn zu einem der größten
Chansonsänger überhaupt gemacht hatte - das waren zu Lebzeiten die untrüglichen Markenzeichen von Gilbert Bécaud. Am 18. Dezember 2001 starb der Sänger und Pianist - und die weltweit
erschienenen Nachrufe demonstrierten, wie beliebt der Franzose weit über die Grenzen seines Landes hinaus gewesen war. Die zahlreichen Beileidskundgebungen und Trostbriefe, die sein
ältester Sohn Gaya Bécaud erhalten hatte, gaben den Ausschlag das Album zu veröffentlichen, an dem sein Vater bis wenige Monate vor seinem Tod gearbeitet hatte.
Das nun postum
erscheinende Album, das ursprünglich „Le Cap“ heißen sollte und nun ohne Titel geblieben ist, präsentiert noch einmal auf beeindruckende Art und Weise das weite künstlerische Spektrum
eines absoluten Ausnahmekünstlers, der am Piano sitzend, eine Hand am Ohr und eine Zigarette im Mundwinkel sein Publikum bei all seinen Auftritten stets zum Mitsingen animiert hatte.
Alle 13 Songs des Albums sind Kompositionen von Gilbert Bécaud und präsentieren noch einmal einige Kollaborationen mit seinen Lieblingstextern Louis Amade, Pierre Delanoë, Claude
Lemesle und Maurice Vidalin. Eine der wohl ungewöhnlichsten Aufnahmen ist die Zusammenarbeit mit dem jungen Fernsehjournalisten Christophe Bardy: „On marche“, ein Titel mit modernem Sound
zwischen Rap und New Jack Beat, ist eine Verbeugung vor der zeitgenössischen Form der Populärmusik. Doch die meisten anderen Titel präsentieren Gilbert Bécaud, wie man ihn kannte und
schätzte. „Je partirai“ ist die Neuaufnahme eines Chansons, den der Dichter Louis Amade bereits 1963 für Bécaud geschrieben hatte. Ein klassischer Chanson auch „Le pommier à pommes“,
erstmals in den 70ern eingespielt, und „Au revoir (Adieu l’ami)“, ein Lied, das Gilbert Bécaud eigentlich gemeinsam mit Eddy Mitchell aufnehmen wollte. Bécauds hierzulande weniger
bekannte Vorliebe für Country kommt zur Geltung in den von diesem Genre beeinflussten „Le cap de bonne espérance“ und „Au bout de la route“, ein ursprünglich von Michael Kunze
geschriebenes Trucker-Lied.
Zu den neuen Liedern zählen das vom Zigeunerjazz inspirierte Duo mit Serge Lama, „Le train d’amour“, mit einem eindringlichen Text über verpasste
Chancen in Liebesdingen, sowie das eher dem Bluesrock entlehnte „L’aventure“, das offene Bekenntnnis eines Mannes über einen Seitensprung. Für den Gospel „Viens nous aider“ wurde ein Chor
ins Studio geholt und „La mort du loup“, die wie eine Fabel wirkende Geschichte über einen gejagten Wolf, inszenierte Bécaud als theatralisches Dramulett. Auf zwei Stücken ist die Stimme
von Gilbert Bécaud jedoch gar nicht zu hören: „Bravo“ und „Faut vivre un peu“ stammen beide aus dem Musical „Madame Roza“, das auf einem 1975 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman
von Romain Gary basiert und dessen Musik Gilbert Bécaud bereits in den Achtzigern komponiert hatte. Uraufgeführt wurde das Stück 1987 am Broadway und die beiden hier vertretenen Titel
werden auch von Annie Cordy gesungen, die damals die Hauptrolle spielte. Gaya Bécaud plant nun, dieses Musical in naher Zukunft erstmals in Paris aufzuführen. Es wäre eine weitere
wundervolle Hommage an das vielseitige Schaffen seines Vaters, das immerhin ein halbes Jahrhundert währte.
Fünfzig Jahre lang begeisterte Gilbert Bécaud mit energiegeladenen
Bühnenshows, die ihm den Beinamen „Monsieur 100.000 Volt“ eintrugen, seine Zuhörer. Alles begann Anfang der 50er Jahre in Paris. Als blutjunger Pianist tingelte der in Toulon geborene
François Silly durch Nachtclubs, Bars und Cafés der Seine-Metropole, bevor er 1952 von Edith Piaf entdeckt wurde. Sie nahm einige seiner Lieder in ihr Repertoire auf, darunter „Je t'ai
dans la peau“, und verschaffte ihm einen Auftritt im legendären „Olympia“. Diese Chance nutzte Bécaud (das Pseudonym hatte er inzwischen bei seinem Stiefvater entliehen) als Sprungbrett
zu einer Traumkarriere: Nach dem ersten Triumph im Weihetempel der Unterhaltung war er aus dem Showgeschäft nicht mehr wegzudenken.
In der Folgezeit sang sich der Künstler mit dem
Gentleman-Image mit einer schier endlosen Hitserie weltweit in die Herzen der Musikfans. Heute, viele Jahre später, sind diese zu Evergreens geadelten Songerfolge immer noch in aller
Ohren. Der Dauerbrenner „Le jour où la pluie viendra“ aus dem Jahre 1959 etwa hat längst einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis (in Deutschland wurde der Titel in Dalidas Fassung
„Am Tag, als der Regen kam“ populär). Unvergessen auch das Chanson „Et maintenant“ von 1962, in dem ein verlassener, verzweifelter Liebender sein Schicksal beklagt. Und Fremdenführerin
„Nathalie“, mit der Bécaud 1963 in Moskau einen virtuellen Urlaubsflirt erlebte, wird uns wohl ebenfalls auf ewig in Erinnerung bleiben.
Nicht nur die Fans lagen dem Franzosen,
Legende schon zu Lebzeiten, stets zu Füßen, auch unter seinen Kollegen genoss er großes Ansehen. Diese Wertschätzung drückte sich unter anderem in mehreren Kooperationen mit
internationalen Stars aus. Mit Barbra Streisand beispielsweise arbeitete Bécaud 1978 gemeinsam an einem Musical, mit Neil Diamond schrieb er 1981 die Musik zum Film „The Jazz Singer“, die
hoch in den US-Charts notierte. Außerdem bekundeten viele Kollegen ihre Hochachtung in Bearbeitungen von Bécauds Kompositionen. Marlene Dietrich interpretierte „Marie-Marie“, namhafte
Künstler wie Bob Dylan, Nina Simone und James Brown machten aus „Je t'appartiens“ die Coverversion „Let It Be Me“, und gleich 150 Kollegen, darunter Elvis Presley, Judy Garland und Frank
Sinatra, sangen „Et maintenant“ in der englischen Erfolgsversion „What Now My Love“.
Ist die Zahl von Bécauds Eigenkompositionen mit rund 400 gerade noch zu überblicken, so kommt
man bei der Addition seiner Live-Auftritte schnell in schwindelerregende, unvorstellbare Dimensionen. Schließlich gab der Workaholic bis zu 250 Konzerte pro Jahr! Und das fünf Dekaden
lang! Allein dreißig Mal stand er auf der Bühne des „Olympia“ (so oft wie kein anderer), den New Yorker Broadway nahm Bécaud mit seiner fulminanten Show ebenfalls im Sturm. Vielfach
führten ihn seine Tourneen auch nach Deutschland, wo er vor allem in den 70er Jahren häufig gastierte. Zum letzten Mal war er hierzulande im November 2000 im Rahmen einer großen
Konzertreise live zu sehen. Danach musste sich der Sänger leider aus gesundheitlichen Gründen immer mehr aus dem Rampenlicht zurückziehen, die Diagnose Lungenkrebs zwang ihn dazu. Am 18.
Dezember 2001 verlor der Kettenraucher, der drei Schachteln Zigaretten am Tag rauchte, den Kampf gegen die Krankheit. Umgeben von seiner Familie und Freunden entschlief Gilbert Bécaud auf
seinem Hausboot an der Seine.
Gaya Bécaud, der seit 20 Jahren als musikalischer Leiter für RTL France arbeitet, hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, den Nachlass seines Vaters zu
verwalten. „Ich will vor allem den musikalischen Spirit meines Vaters bewahren“, betont er. Immerhin warten an die 80 bis dato unveröffentlichte Lieder darauf, eines Tages vielleicht doch
noch das Licht der Welt zu erblicken. Allein die Zusammenarbeit mit Quincy Jones dürfte die Fans neugierig machen. Bereits im Herbst soll eine DVD mit zwei Auftritten von Gilbert Bécaud
im Pariser Olympia erscheinen, die er zu jenen Zeiten absolvierte, in den er mit „Bleu“ und „Rouge“ zwei seiner populärsten Alben veröffentlicht hatte. Der Künstler Gilbert Bécaud ist
verschwunden, doch sein Werk wird noch lange Zeit überleben. Ernst, sentimental und unbeschwert, so hat sich der Mann mit dem vorbildlichen Lebenswillen stets der Öffentlichkeit
präsentiert. Der Poet ist tot, seine Freunde mögen weinen. Aber eins ist gewiss: Dieser Mann hat ein erfülltes Leben gehabt. Und er hat die Menschen beseelt. Das spürt man mit jedem
Chanson.
EMI Elektrola, Mai 2002
Aus der Amazon.de-Redaktion:
"Monsieur 100.000 Volt" nannten ihn seine Fans wegen seiner atemberaubenden Bühnenshows über fünf Jahrzehnte. Am 18. Dezember 2001 starb mit Gilbert Bécaud einer der großen französischen Chansoniers, dessen letztes Studioalbum posthum erschienen ist.
Das Album sollte eigentlich Le Cap heißen und ist nun ohne Titel geblieben. Dafür trägt es schlicht den Namen eines Sängers, ohne den die Chansonlandschaft sehr viel ärmer geblieben wäre: Gilbert Bécaud. Dessen ältestem Sohn Gaya ist es zu verdanken, dass wir als letztes Glied einer langen Kette von Alben mit unvergesslicher Musik noch jenes zu hören bekommen, an dem sein Vater bis kurz vor seinem Tod gearbeitet hat. Das Vermächtnis eines Künstlers, der im Anzug und Krawatte die Massen ebenso zum Kochen bringen konnte, wie im intimen Rahmen am Piano sitzend, eine Zigarette im Mundwinkel, seine Zuhörer zum besinnlichen Nachdenken anregend. Das musikalische Spektrum von Gilbert Bécaud war in seiner Vielseitigkeit ebenso weit wie die Umrundung eines Kaps und jedes Mal mindestens ebenso spannend.
Alle 13 Stücke sind Eigenkompositionen und vereinen auf das Harmonischste die Zusammenarbeit mit seinen Lieblingstextern
über all die Jahre. Stets war er modernen Einflüssen gegenüber aufgeschlossen, zu hören in dem Titel "On marche", eine Mischung aus Rap und Elektronik. Alle anderen Stücke
zeigen einen wohl bekannten Gilbert Bécaud, wie der erste Titel "Je partirai", den der Dichter Louis Amade bereits 1963 für Bécaud geschrieben hatte. Daneben sind jüngere
Ausflüge in den Zigeunerjazz ebenso vertreten ("Le train d'amour"), wie in die Regionen von Gospel ("Viens nous aider") und sein vielfach ausgezeichnetes Musical Mme Rosza.
Berührend auch ein Foto, wie es schmerzlicher nicht sein könnte: ein Klavier am offenen Fenster, darauf ein Aufnahmegerät zum Festhalten so mancher genialen Idee, während eine Katze auf
die Tastatur springt, die künftig leer bleiben wird. Andreas Schultz
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